In eigener Sache: Federn der Demokratie

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 26.02.2021

In eigener Sache: Federn der Demokratie
Nebelspalter | (Nebelspalter)

In einer Rangliste systemrelevanter Berufe, die in den vergangenen Wochen die Runde machte, erlebte der Berufsstand «Künstler» sein persönliches ESC-Desaster: Er landete auf dem letzten Platz. Da liegt nahe, dass man sich als Satiriker ab ­sofort weniger als Künstler und mehr als Medienschaffender versteht, der seine Arbeit einfach mit einigen Pointen anreichert. Weil etwas Zuckerbrot zur Peitsche meist besser ankommt. Medien stellen immerhin die vierte Gewalt, das klingt relevant.

Es ist allerdings nicht einmal so einfach, in der Geschichte nach Belegen zu suchen, wo Satire nachweislich den Lauf der Dinge beeinflusst hat. Hartnäckig hält sich die These, dass die Fussball-WM 2006 nur dank einer Satire-Aktion der ‹Titanic› nach Deutschland kam. Unbestritten ist der Ursprung der Partei-Maskottchen für US-Republikaner und -Demokraten. Der Karikaturist Thomas Nast (1840–1902) hat dem Elefanten und dem Esel das Poli­tisieren beigebracht. Die Schweizer SVP musste sich ihren Zottel dagegen selbst ­domesti­zieren. Im jungen 21. Jahrhundert haben natürlich auch noch die Mohammed-Karikaturen Geschichte geschrieben – allerdings vielmehr durch die «Provokation» ihrer blossen Existenz, weniger durch ihre sati­rischen Enthüllungen.

Ist Satire systemrelevant? In einer funktionierenden Demokratie hat sie ihre wichtigste Mission wohl bereits gespielt: der Demokratie gegen feindliche Kräfte überhaupt erst zum Durchbruch zu verhelfen. Es sind stets Despoten und Autokraten, die ein echtes Problem mit Satire haben. Demokratische Politiker haben derweil gelernt, mit ihr als Spielart des öffentlichen Diskurses umzugehen. Sie fürchten heute weniger den Spott eines karikierenden Zeichenstifts, sondern vielmehr den Schlag einer Moralkeule oder die bleibenden Flecken eines Shitstorms. Der 6. Ja­nuar in Washington hat aber gezeigt, wie schnell auch ganz andere Stürme wieder aufziehen können. Demokratie ist kein Zustand, sondern ein ständiger Prozess. Allein darum kann Satire gar nie irrelevant werden: Ihre spitze Feder entwickelt immer dann die grösste Kraft, wenn die Botschaft nicht mehr in lauten Grossbuchstaben daherkommen kann, sondern zwischen den Zeilen. Schulligung, jetzt habe ich einen Abschnitt lang völlig das Zuckerbrot vergessen.

 

In eigener Sache

Mit diesen Zeilen wende ich mich zum letzten Mal in einem Editorial an Sie. Ab April wird der Satiriker und Slam-Poet Ralph Weibel, der seit 2018 als Produzent und ­Autor Teil unseres Teams ist, meine Funk­tion als Redaktionsleiter der Printausgabe übernehmen. Es war mir ein Privileg, die vergangenen 16 Jahre – zusammen mit all den wunderbaren zeichnenden, schreibenden und gestaltenden KollegInnen – das ­älteste Satiremagazin der Welt zu machen. Vielen Dank für Ihre Treue und weiterhin viel Freude am ‹Nebelspalter›.

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