Sicherheitsrating für unser Brauchtum

Roland Schäfli | veröffentlicht am 26.02.2021

Die Tanzmusik, die Hackbrett-Formation und die Schnitzelbänkler – sie alle sind Too Big to Fail und damit für Staatshilfe empfangsberichtigt. Denn Brauchtum ist so systemrelevant, dass es schon wieder gefährlich ist.

Sicherheitsrating für unser Brauchtum
Marina Lutz | (Nebelspalter)

Es braucht uns alle. Vom Billettkontrolleur bis zum Typen, der im Migros die Wägeli zusammenschiebt. Wir alle tragen eine volkswirtschaftliche Verantwortung. Ein systemstrukturelles Risiko werden wir aber, sobald wir uns in Vereinen zusammenschlies­sen. Da Schweizerinnen und Schweizer seit jeher am liebsten ihre loka­len Bräuche pflegen, wächst sich das Brauchtum zum systemrelevanten Wagnis aus.

Neue Grössenordnung: Schwinger
Je grösser das Unternehmen, desto stärker die Auswirkung auf die Wirtschaft, wenn es failt. Natürlich schafft dies einen künstlichen Wachstums­anreiz, um als Too Big to Fail klassifiziert zu werden. So platzt das Eidgenössische Schwinger- und Älplerfest absichtlich aus allen Nähten. Die helvetische Form des Ringens demons­triert nach aussen Geschlossenheit. Und, dass wir keine homophoben Berührungsängste dabei haben, dass Männer sich gegenseitig an den Hintern fassen. Diese Ausdrucksform schweizerischer Geschlossenheit verdient Staatshilfe, denn das Schwingfest ist für die Schweizer, was die UBS für Anleger aus aller Welt ist.

Ruf nach Protektorat: Volksmusik
Unsere alpenländische Volksmusik hat sich durch schriftlose Weitergabe von Können und Kompositionen über Generationen weiterentwickelt zu dem, was sie heute ist: der Kultur-Hybrid Beatrice Egli. Volksmusiker gelten als nachhaltig, weil man sie fast nicht mehr wegbringt; sie werden im Schweizer Fernsehen in eigenen Naturreservaten gehalten. Generell ist die Schweiz durch eine breite Amateurmusik-Szene geprägt; gefährlicherweise gibt es in praktisch jedem Kuhdorf mindestens einen schutzbedürftigen Chor oder eine Blasmusik. So soll auch das ursprüngliche Sig­nalinstrument der Hirten über sich die schützende Hand des Protektorats wissen, denn schon einmal wäre das Alphorn, dieses systemrelevante Nationalsymbol, fast für immer in Vergessenheit geraten.

Gut gebrüllt: Jodel-Chöre
Jodler haben in der Schweiz einen guten Ruf. Sie waren einst die Telekommunikation in den Bergen vor der Swisscom: so rief man von Berg zu Berg, von Alp zu Alp, von 5G-Antenne bis zu 5G-Antenne. Bevor die Jodler ihren letzten Jauchzer getan haben, müssen die Alpenmusiker sich am Busen des Staats nähren können.

Staatsschatz: Heidi
Heidi verbreitet bis heute ein ideal­typisches Bild der Schweiz. Johanna Spyri hat die Geschichte wohl auf­geschrieben, systemrelevant für die Schweiz sind nun jedoch die zahl­losen Souvenir-Verkäuferinnen, die Heidi-Merchandise in den verschiedenen Heidi-Dörfli der Schweiz feilbieten. Ohne Heidi-Verkäuferinnen keine zufriedenen Japaner.

Stinken nicht: Alpkäser
Die Herstellung von Alp-Käse ist nichts weniger die DNA der Schweiz. Kein anderer Produktionsbetrieb kann für die Staatsgarantien ein höheres Rating erhalten. Die Alpwirtschaft datiert 4000 Jahre vor Christus, also lange vor dem ersten Weihnachten. Eigentlich ist Käse nichts anders als eine Methode, um Milch haltbar zu machen. Dieser Notwendigkeit verdankt die Schweiz im Ausland ihr Image (gemeinsam mit Roger Federer, der ebenfalls das Ratin «Systemrelevant» erhält). Alpkäser sind schützenswert wie ein Sonnenaufgang über den Gletschern. Alpkäse wird nur im Sommer hergestellt, weshalb den Alpkäsern ein halbes Jahresgehalt ersetzt werden muss.

Prädikat «Wertvoll»: Fasnacht
Als systemrelevant gelten nach neuesten Studien auch die Kalenderbräuche, ob heidnisch oder eingeschweizert, wie das Austreiben des Winters (Marketingmassnahmen von Schweiz Tourismus zur Verlängerung der ­Skisaison) und von bösen Geistern (christlicher Brauch bei Abstimmungen in Migrationsfragen) ebenso wie das Feiern unserer bedeutenden Siege (Sempach, Morgarten, EWR-Nein). Sie haben durchaus aktuelle Ansätze:

Tschäggätte: maskierte Gestalten jagen am Schmutzigen Donnerstag im Walliser Lötschental mit ihren handgefertigten Holzmasken Passanten Angst ein, um für das Vermummungsverbot zu werben.

Sechseläuten: der Zürcher Frühlingsbrauch, an dem eine Figur in Form ­eines Bundesrats auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird, um das Ende des Lockdowns vorherzusagen.

Kastanienfest von Ascona: Einst nur Nahrungsmittel der Armen, wäre die einheimische Küche ohne Marroni um einiges ärmer. Der Gastro-Lockdown hat gezeigt, dass niemand auf Kastanien-Gnocchi verzichten kann.

Zibelemärit Bern: erinnert seit dem 15. Jahrhundert daran, wie viele Tränen die Gewerbler für eine einzige ­Zibele-Wähe vergiessen. Sie weinen auch, wenn der Anlass abgesagt wird.

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