Tor des Monats: Marco Ratschiller

Ralph Weibel | veröffentlicht am 01.04.2021

Die Fachleute streiten sich bis heute, ob das richtige Zitat nun «Der König ist tot, es lebe der König» heisst, oder ob die Französische Revolution mit ihrer Guillotine ein- oder abschneidend damit Schluss gemacht hat und es richtig heissen muss: «Der König ist tot, es lebe die Republik.» Sicher ist nur, dass Marco Ratschiller nach 16 Jahren auf der Kommandobrücke das Schiff verlässt, welches die vernebelten Blicke rund um die Welt durchkreuzte und sich deshalb Nebelspalter nennen durfte.

Tor des Monats: Marco Ratschiller
Michael Streun | (Nebelspalter)

Im Gegensatz zu seinem Berufskollegen, der den Begriff «Schettino» etabliert hat für jemanden, der von Bord geht, bevor der Kahn sinkt, hat sich der wasserscheue Kämpfer wider den bitteren Ernst entschlossen, vom Schiff zu gehen, bevor es aufläuft. Allerdings nicht ganz. Er bleibt dem neuen Nebelspalter als Schiffsjunge erhalten. Er verzichtet freiwillig auf Glanz und Ruhm, Bewunderung über alle vernünftigen Grenzen hinaus, die bei öffentlichen Auftritten zu kreischenden Menschenansammlungen führen, fast unendlichem Reichtum und Privilegien, wie dem uneingeschränkten Zugang zu öffentlichen Toiletten ohne Corona-Impfpass.

«Viel Feind, viel Ehr»
Wie der tapfere Landsknechtsführer Georg von Frundsberg schon im 16. Jahrhundert wusste, bedeutet «viel Ehr, viel Feind». Oder umgekehrt. Aber in Zeiten von Fake News kann man sich ein Zitat auch mal zurechtbiegen, besonders wenn man über einen Historiker schreibt. Letztlich ist ein weiterer Grund, an dieser Stelle mit so abgelutschten Zitaten zu hausieren, das Aufpolieren des Textes mit einem Touch Intellektualität. Der Anstand gebietet es, zum Ende einer Ära ein paar salbungsvolle Worte darüber zu verlieren, was jemand erreicht hat, und sich darüber auszuschweigen, was er nicht erreicht hat. Immerhin prägte Marco Ratschiller rund 160 Ausgaben der ältesten Satirezeitschrift der Welt. Dies alleine ist aber noch kein Grund, in den Chor der Lobeshymnen einzustimmen. Sind wir ehrlich, mehr als ein paar Lacher verantwortet ein Satiriker nicht. Die Geschicke der Welt werden noch immer vom Grosskapital gelenkt, Kriege nicht beendet und noch immer hat nicht die ganze Weltbevölkerung Zugang zu IKEA-Möbeln. Letztlich war das Texten und Zeichnen gegen all diese Missstände sinnlos. Andere Menschen leisten in ihrem Berufsleben einen wesentlich grösseren Anteil am Gemeinwohl. Denken Sie beispielsweise an Hundetrainer oder die Erfindung der Papierwindel.

Menschenversuch
Um wieder etwas Pathos zurückzubringen: Die Welt ist Hydra und Marco heisst eigentlich Herakles. Als solcher schlug er immer wieder einen Kopf des Ungeheuers ab, nur um zu sehen, wie an derselben Stelle zwei neue wuchsen. Und so tobte der Kampf, bis (er an) die Klarsicht verloren ging. Was jetzt nicht ganz dem griechischen Original der Geschichte entspricht. Zurück bleibt ein einzigartiges Erbe, welches meine Wenigkeit verwalten darf. Die Verantwortung ist riesig. Als Erstes werde ich versuchen, den vertrockneten Topfpflanzen in der Redaktion des ‹Nebelspalter› wieder Leben einzuhauchen. Alleine angesichts des Verbots der Verbreitung von tödlichen Aerosolen ein schier unlösbares Vorhaben. Wenn dann die Archivtürme sich stapelnder Bücher, Zeitschriften und Beschwerdebriefe im gemeinsamen Büro abgetragen sind, wird der Menschenversuch, der immerhin bewies, dass wir beide glücklicherweise keine Allergiker sind, mit einem Staubwedel beendet. Endlich vorbei auch die Doppelbelegung nur eines Parkplatzes.

Persönliche Gedanken
Bevor das Ganze hier total aus dem Ruder läuft und ich vom chronischen Chronometerverachter berichte, dessen Zeitangaben in etwa so genau sind wie bei einem Beduinenstamm, der durch die Wüste zieht, möchte ich ein paar ernsthafte Gedanken anbringen. Wenn zwei alte, weisse Männer zusammenkommen, ist es nicht selbstverständlich, dass sich die Silberrücken nicht mit den Fäusten auf die Brust trommeln und drohend herumbrüllen. Diesen Drang verspürt man in der Gegenwart des sich neu Orientierenden nie. Im Gegenteil, wer mit Marco zusammen­arbeiten kann, lernt dessen kreative und weitsichtige Art kennen. Und am omnipräsenten Humor muss man in einer Satirezeitschrift ohnehin nicht zweifeln. Alleine deshalb kann sich der ‹Nebelspalter› glücklich schätzen, Marco Ratschiller nicht ganz von Bord gehen lassen zu müssen.

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