Schamlos feiern

Thomas C. Breuer | veröffentlicht am 02.07.2021

Der 3. Juli ist ein guter Tag, um einen Glückwunsch loszuwerden: Pozdravleniye!, denn da feiert eines der attraktivsten Länder Europas seinen Nationalfeiertag: Belarus. Ein Land im Herzen Europas – vom belarussischen Hdzyen’ nach Tschernobyl sind es z.B. gerade mal neunzehn Minuten. Zum Glück besitzen die wenigsten ein Auto.

Schamlos feiern
Marian Kamensky | (Nebelspalter)

Belarus – der frühere Name «Weissrussland» passte nicht mehr so recht, weil man die Farbe gewechselt hat. Belarus ist kein weisser Fleck mehr auf der Landkarte, spätestens seit der durchaus eigenwilligen Auslegung der Regeln der internationalen Luftfahrt ist es weltweit bekannt. Rot passt besser: Kommunismus, Blut, allerdings keine Scham. «Rus» war übrigens der ostslawische Name für slawisch-skandinavische Herrschaftsgebiete, das Adjektiv «bely» bedeutete im Mittelalter «westlich», erst später wurde «weiss» daraus. Wir befinden uns also im «Westlichen Rus», Heimat hochkontaminierter Backmischungen, die wer-weiss-was mit einem machen, Heimat von Kindern ohne Blinddarm, der ihnen serienmässig entfernt wird, da die Operation routinemässig als praktische Übung gesehen und von Medizinstudenten durchgeführt wird.

Am 3. Juli 1944 wurde Minsk von den deutschen Besatzern befreit. Und was haben sie seither daraus gemacht? Der Welt grösstes Stalinismus-Museum. Dabei wird auf Detailtreue grossen Wert gelegt wie bei den unterirdischen Folterkellern in Minsk, die nach den Vorgaben ehemaliger KGB-Agenten angelegt wurden und sogar noch in Betrieb sind, inkl. Vollstreckung der Todesstrafe – das sichert dem Staat ein Alleinstellungsmerkmal. Belarus ist als Kollateralschaden des Bankrotts der Sowjetunion zu begreifen, und selbst dort war die Weissrussische Sowjetrepublik als Heimat sturer Beton­köpfe verschrien, bekannt als reform­unwillig und humorlos. Nach dem Ende der UdSSR erfolgte der übliche wirtschaftliche Niedergang, ab 1996 wurden die meisten Betriebe wieder verstaatlicht. Selbst die Fussballvereine heissen noch wie früher: Dinamo. Sputnik. Torpedo.

Der Umgang mit der eigenen Bevölkerung ist belarustikal. Neun Zehntel der Bevölkerung sind derzeit in Haft, vielleicht wäre es praktischer und kostengünstiger gewesen, um das ganze Land einen Zaun zu ziehen. Auch zum Fest ist wieder mit zahllosen Festnahmen zu rechnen. Leider wird es auch in diesem Jahr kein Feuerwerk geben, da niemand ganz sicher ist, ob Freudenraketen in die Luft fliegen oder Aufständische unterwegs sind, denn die machen dem demokratisch gewählten Präsidenten Lukaschenko (114 Prozent der Stimmen!) das Leben arg schwer. Dabei tut «Batko» alles für sein Land. Keiner ausser ihm trägt europaweit grössere Kopfbedeckungen. Auch ist er der einzige Regierungschef in Europa, der sich gelegentlich mit einer Kalaschnikow in der Hand ablichten lässt, da kann selbst Putin noch was lernen.

Wirtschaftlich ist noch Luft nach oben, wenn auch keine reine. Einer Berufsgruppe geht es seit der Unabhängigkeit deutlich besser: Den Schnapsbrennern, die auf der Basis von Wasser, Ethanol und gewissen Verunreinigungen Kartoffeln oder Getreide destillierten, um daraus Wodka zu produzieren. Vor allem bei den Männern ersetzt der Wodka manche warme Mahlzeit.

Über der lokalen Küche breiten wir den Mantel des Schweigens aus, Braunbärtatar, Biber im Tempurateig oder Silberfisch-­Sashimi sind vielleicht magen-, aber nicht unbedingt abendfüllend. Hier wäre Handlungsbedarf, wenn man mehr Touristen ins Land holen will.

Unter den bekannten Belas dieser Welt – Bela Bartok, Bela B. – ist es Belarus noch nicht gelungen, deren Beliebtheitsgrad zu erreichen. «Pisdez» sagt man auf Russisch, wenn etwas nur suboptimal läuft. Aber Batko lässt nichts unversucht, das Image zu verbessern. Daher noch einmal: Pozdravleniye!

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