Tor des Monats: Granit Xhaka

Marco Ratschiller | veröffentlicht am 02.07.2021

Wenn Sie diesen Text lesen, wird Granit Xhaka wohl bereits wieder zu Hause bei seiner Liebsten sein. Eine sehr gute Wahl übrigens. Wunderschöne Kurven, enormes Temperament, ein echter Hingucker. Wäre ich Profifussballer geworden, hätte ich sicher auch so eine. Genau wie Xherdan. Oder Zlatan. Der Lamborghini Urus ist einfach eine tolle Luxuskarosse.

Tor des Monats: Granit Xhaka
Michael Streun | (Nebelspalter)

Aber ich bin kein Profifussballer, sondern einer von Millionen Schweizerinnen und Schweizern, die sich vor ein paar Wochen spontan vom Pandemieexperten zum Fussballspezialisten umschulen liessen. In meinem Fall durchaus mit Erfolg, zum Ende der Gruppenphase belege ich in unserem internen EM-Tippspiel den ersten Platz. Was mich ein wenig an das berühmte Experiment erinnert, bei dem Schimpansen an der Börse erfolgreicher investierten als Profis.

Nachdem ich Xhaka und seinen Teamkollegen inzwischen ein paar Stunden bei der Arbeit zusehen durfte, weiss ich, dass man sich auch als Profi zum Affen machen kann. Das ist übrigens kein menschenverachtender Tiervergleich mit Shitstorm-Potenzial, sondern eine gängige Redensart für: sich lächerlich machen. Ich will da auch gar nicht mehr alles nochmals durchkauen. Die protzigen Autos, die frischen Tattoos, die platinblonden Haare. Denn ich weiss: Die machen das alles gar nicht für sich selbst, sondern für uns und unser Land. Das ist kein Witz.

Der 13. Juni hat es deutlich gezeigt: Das Land ist so gespalten wie noch nie. Der Graben zwischen der rotgrünen urbanen und der konservativen ländlichen Schweiz wird immer tiefer. Diplomatische Kreise hatten bereits erwartet, dass Joe Biden in Genf seinen Plan für eine helvetische Zweistaatenlösung präsentieren würde. Da kam die wichtigste Nebensache der Welt keinen Tag zu früh.

Fussball ist das letzte grosse Gemeinschaftserlebnis der Gegenwart. Fussball verwandelt eine heillos zerstrittene Gesellschaft von Covidioten und Schlafschafen, von Abgas-Junkies und Greta-Jüngern, von Qualfleischfressern und Hafermilchbubis in ein Kollektiv, welches aus der Leistung einiger auf einem Spielfeld rumkickender Männer tatsächlich eine Art Wir-Gefühl und Nationalstolz zu beziehen vermag. Und genau deshalb ist die hochbezahlte Petkovic-Truppe auch jeden Franken Wert.

Europa- und Weltmeisterschaften sind ritualisierte Therapiestunden, bei denen zuverlässig unsere nationalen Komplexe und Klischees, unsere echten und vermeintlichen Werte aufgearbeitet und abgeglichen werden. Ab welcher ‹Blick›-Match-Note hat ein Libero Anrecht auf einen Figaro? Für wie viele protzige Xhaka-Lambos bekommt
man einen bescheidenen Federer-Privatjet? Warum signalisiert das Beschweigen der Nationalhymne bei Eingebürgerten einen Mangel an Respekt, bei linksliberalen Intellektuellen jedoch kritische Distanz zu den problematischen Aspekten des Patriotismus?

Wenn Xhaka und sein Team in ihrer viel zu kurzen Zeit am Turnier für Schlagzeilen neben dem Spielfeld sorgten, haben sie nur ihren wahren Auftrag erfüllt: Im vergänglichen Rampenlicht nationale Debatten zu lancieren, die uns weniger entzweien und überfordern als die Paragrafen eines CO2-Gesetzes oder einer Anti-Terror-Vorlage.

Aber bei allem Goodwill: Nicht nur auf, auch neben dem Rasen sind andere tatsächlich einfach noch ein wenig besser. Etwa Cristiano Ronaldo, der mit seiner Wasser-statt-Cola-Aktion mal schnell vier Milliarden Börsenwert vernichtete. Oder Manuel Neuer, der mit seiner Regenbogenbinde mehr Fernsehpräsenz hatte, als es das beleuchtete Münchner Stadion je bekommen hätte.

Sie haben mit ihren Aktionen an der Fassade eines Turniers gekratzt, das uns weismachen will, weder geldgetrieben noch politisch zu sein. Ein Turnier notabene, das zwei Milliarden einnimmt. Mit nationalen Teams, die teilweise ekstatisch ihre Hymnen intonieren. Umwogt von einem tosenden Fahnenmeer, das ausserhalb eines Sportstadions sofort ungute Gefühle wecken würde.

Wirklich unpolitischer Fussball müsste es halten wie die WHO neuerdings mit der Umbenennung der Corona-Varianten. Stellen Sie sich vor, wie unsäglich spannend ein entnationalisiertes Finale von «Team Alpha» gegen «Team Delta» wäre. Der Bann wäre gebrochen. Und jetzt stellen Sie sich vor, wie viel Zeit Sie so fürs Studium der nächsten Abstimmungsvorlagen gewinnen würden.

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